Tiefenpsychologie und Religion

Anregungen und Annäherungsversuche

  • Alfred Kirchmayr

Abstract

In diesem Essay geht es um eine kreative und lebensnahe Begegnung von Psychoanalyse und christlicher Religion, Seelsorge und Theologie. Sigmund Freud bezeichnet sich humorvoll als „bösen Ketzer“ und seinen Freund, den begeisterten Pastor und Psychoanalytiker Oskar Pfister nennt er den „frommen Gottesmann“. Durch die Darstellung der dreißig Jahre dauernden engagierten Kooperation dieser unterschiedlichen Zeitgenossen, die sich im Briefwechsel zwischen den beiden vielschichtigen Persönlichkeiten und Seelsorgern widerspiegelt, gewinnt man tiefe Einsichten in die widersprüchlichen Funktionen von Religion und den Aufgaben der kirchlichen und vor allem der weltlichen, psychoanalytischen Seelsorge.

Im zweiten Teil geht es um die Anwendung der psychoanalytischen Erkenntnisse für die Reinigung des christlichen Glaubens von neurotischen und pathogenen Verzerrungen. Diese werden vor allem durch drei Komplexe der katholischen Kirche dargestellt. Der Autoritätskomplex lehnt christliche Mündigkeit ab und fördert fromme Unterwerfung. Der Reinheitskomplex zerstört die natürliche Polarität des Lebens und fördert fundamentalistische Tendenzen: die reine Seele und die reine Lehre sind sein Ziel. Und der Männlichkeitskomplex bewirkt eine tief gestörte Beziehung zum Weiblichen, zum Leiblichen und zur bunten Welt der Gefühle. Der Zwangszölibat für Gemeindeleiter ist Ausdruck dieser Komplexe. Klerikalismus erweist sich als Phänomen einer narzisstisch-patriarchalischen Grundhaltung und hat mit dem Geist Jesu und mit der Aufklärung wenig zu tun.

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Veröffentlicht
2020-06-30