Parentifizierung – Kinder im Spannungsfeld zwischen Machtgefühl und Überforderung

Julia Deimel

Abstract


Der Beitrag beschäftigt sich mit dem Phänomen der Parentifizierung von Kindern im Zuge elterlicher Beziehungskrisen und Trennungssituationen, das Kinder zwischen Machtgefühl und Überforderung spannt. Wenn die Stabilität der wichtigsten Bezugspersonen des Kindes durch Life-Events wie zum Beispiel Trennung bzw. Scheidung der Eltern ins Wanken gerät, bedeutet dies eine außerordentliche Belastung für das Kind, welche die Lebenssicherheit bedroht. Das Kind strebt dann danach, diese so weit und so schnell es ihm möglich ist, wiederherzustellen. Dabei kommt es häufig zum Phänomen der Parentifizierung: Das Kind schlüpft in die Rolle der Eltern und übernimmt Anteile der elterlichen Verantwortung, oft von den Eltern in diese Rolle gedrängt. Aufgezeigt wird, welche unbewussten Gefühle und Konflikte das Kind in die Parentifizierung zwingen und welche Gefühle, Risiken und Folgen damit einhergehen können. Das Kind steht in der Rolle der Parentifizierung zwischen einem wohltuenden Machtgefühl und der drohenden Überforderung, welche Versagen bedeuten würde. Um diesem Versagen entgehen zu können, ist ein außerordentlicher Energieaufwand des Kindes notwendig, sodass häufig kaum mehr Energie zur Bewältigung seiner altersadäquaten Entwicklungsaufgaben zur Verfügung steht.


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DOI: 10.15136/2018.5.2.60-72

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